Museum des Nötscher Kreises

Sebastian Isepp, Der blaue Berg, um 1906, Öl auf Leinwand, 127 x 153 cm, Privatbesitz

Archiv Ausstellung 2010

BEGEGNUNGEN

Künstlerische Dialoge in Nötsch

2. Mai – 31. Oktober 2010

Die Begegnungen der Nötscher Maler und ihre Künstlerfreundschaften unter anderem zu Egon Schiele, Herbert Boeckl, Clemens Holzmeister, Oskar Kokoschka, Anton Faistauer oder Hans Gassebner stehen in der diesjährigen Ausstellung im Mittelpunkt. Damit setzt das Museum seine Reihe der »Künstlerischen Dialoge« fort, die im Vorjahr – in Kooperation mit dem Gerhart Frankl Memorial Trust, London – die Begegnung Anton Koligs mit seinem Schüler Gerhart Frankl präsentierte und einen Einblick in das kunstpädagogische Wirken Koligs in Nötsch gab. Die Maler, die heute zum engeren Nötscher Kreis gezählt werden, sind Anton Kolig, Franz Wiegele, Sebastian Isepp und Anton Mahringer. Sie bildeten jedoch weder eine geschlossene Künstlergruppe noch hatten sie ein eigenständiges Programm. Sie waren durch die gemeinsame Studienzeit Anfang des 20. Jahrhunderts und durch die daraus hervorgegangenen Künstlerfreundschaften verbunden als auch durch ihre familiären Bindungen zu Nötsch. Gemeinsam war ihnen ihr Interesse an den klassischen Themen der Malerei: am Figurenbild, Porträt, Akt, Stillleben und an der Landschaft. Im Vordergrund ihrer
Arbeiten standen die Farbe und ihre formschaffende und plastische Funktion.

Anton Kolig und Oskar Kokoschka lernten sich an der Wiener Kunstgewerbeschule kennen, wo Kolig von 1904-1906 studierte. Im Mittelpunkt stand das Aktzeichnen im großen Saal, von dem Kolig später berichtete: »Der Aktsaal war zwar groß, aber groß war auch die Zahl der Schüler, die mit ihren Staffeleien und dem auf großen Rahmen aufgespannten Zeichenpapier den Blick verstellten. Das Modell sollte lebensgroß und ganz genau mit Kohle gezeichnet werden…«

Franz Wiegele und Sebastian Isepp, die beide aus Nötsch stammten, knüpften an der Wiener Akademie erste Kontakte zur Neukunstgruppe um Egon Schiele, die sich im Herbst 1909 aus Protest gegen den traditionellen Lehrbetrieb formierte. 1909 stellten Franz Wiegele und Sebastian Isepp gemeinsam mit den anderen »Neukünstlern« Egon Schiele, Albert Paris Gütersloh und dem aus Salzburg stammenden Anton Faistauer im Kunstsalon Pisko am Schwarzenbergplatz aus. Als Kolig an die Akademie wechselte, stieß auch er auf die Neukunstgruppe, insbesondere auf Franz Wiegele und Sebastian Isepp. Aus der gemeinsamen Studienzeit wurde eine Freundschaft, die sich zu einer privaten und künstlerischen Beziehung verdichten sollte und Koligs weiterem Lebensweg eine entscheidende Wendung gab. Möglicherweise kannte der aus Neutitschein (heute Novy Jicín, Mähren) stammende Anton Kolig Franz Wiegele bereits vor der Akademiezeit, denn ein Brief aus dem Jahr 1907 endet mit dem vertraulichen Gruß: »grüßt Dich herzlich Dein alter Toni«. Anton Kolig heiratete 1911 Wiegeles Schwester Katharina und Nötsch wurde zur neuen Wahlheimat des Künstlers. Im selben Jahr stellten Anton Kolig, Sebastian Isepp und Franz Wiegele gemeinsam mit Oskar Kokoschka in der Sonderausstellung des Hagenbundes »Malerei und Plastik in den Räumen des Künstlerbundes
Hagen« in der Wiener Zedlitzhalle aus. In seiner Kritik beschrieb der Kunsthistoriker Hans Tietze die Ausstellung als eine der »stärksten künstlerischen Eindrücke und Erinnerungen« die ihn letztlich dazu bewog »zu einem Schriftsteller moderner Kunst« zu werden.

Mit Anton Faistauer sollten sowohl Anton Kolig wie Franz Wiegele weiterhin in engem Kontakt bleiben. 1923 veröffentlichte Anton Faistauer sein Buch Neue Malerei in Österreich, in dem er sich
programmatisch mit der Kunst seiner Zeit auseinandersetzte. 1921 schrieb er dazu an Anton Kolig: »Mein lieber Kolig, ich habe mein Buch zu Ende gebracht und hoff´, daß es ein ordentliches ist. Ich dachte nicht daran, daß es mich so festhalten wird. Ich brauche nun dringend Dein Photomaterial.
Schreibe mir, wenn Du nach Wien kommst und sei herzlich gegrüßt von Deinem Faistauer.« Auch mit Egon Schiele kam es zu einem regen Briefaustausch. Anton Kolig und Egon Schiele dürften sich zunehmend näher gekommen sein, da sie in ihrer Korrespondenz ins vertraulichere Du wechselten. Der Briefverkehr wie auch die darin formulierten Ausstellungsvorhaben endeten abrupt durch den Tod Schieles 1918. Anton Kolig und Franz Wiegele führten sowohl mit Literaten, Künstlern als auch Kunsttheoretikern eine umfangreiche Korrespondenz. So dokumentiert ein Brief an den Kunsthistoriker Bruno Grimschitz, dass Herbert Boeckl
Anton Kolig 1919 in Nötsch besuchte und auch Kolig einige Male zu Gast in Boeckls Klagenfurter Atelier war. Doch blieb nach einem anfänglichen gegenseitigen künstlerischen Interesse das Verhältnis der beiden Künstler gespannt.

Eine besondere Integrationsfigur, sowohl für die Nötscher Maler als auch für viele andere österreichische Künstler, war der Architekt Clemens Holzmeister. Durch ihn erhielt Anton Kolig unter anderem den Auftrag für zwei großformatige Gemälde in dem von Holzmeister errichteten Wiener Krematorium am Zentralfriedhof sowie für die Wandteppiche im Salzburger Festspielhaus.

Franz Wiegele lebte von 1917 bis 1925 in der Schweiz und verkehrte im Freundeskreis des Komponisten Othmar Schoeck und des Schriftstellers Hermann Hesse. Wiegele traf auch wieder mit Hugo von Hofmannsthal zusammen, in dessen Kreis die Künstler Isepp, Kolig und Wiegele bereits in Wien verkehrten. Doch hielt er auch weiterhin Kontakt mit Anton Faistauer, der ihn auch in der Schweiz besuchte. Sebastian Isepp begleitete die Familie Hugo von Hofmannsthal auf mehreren Reisen durch Italien. Isepp, der ab 1921 bis zu seiner Emigration in Wien lebte, gehörte in der Zwischenkriegszeit zur intellektuellen Szene Wiens. 1924 reiste Isepp mit dem Architekten Adolf Loos und Oskar Kokoschka nach Paris. 1938 emigrierte er nach London und traf auch dort wieder mit Oskar Kokoschka zusammen. Wie Isepps Sohn Martin 1977 an den damaligen Leiter der Kärntner Landesgalerie Ernst K. Newole schrieb, dauerte die »intime Freundschaft mit Kokoschka bis zum Tod Sebastian Isepps«.

Während seiner Lehrtätigkeit an der Stuttgarter Akademie brachte Anton Kolig im Sommer Studenten mit nach Nötsch, so auch 1928 den in Schwäbisch Gmünd aufgewachsenen Anton Mahringer, für den die Gegend um Nötsch zur neuen Heimat wurde. 1929 kam auch Hans Gassebner auf Einladung Koligs nach Nötsch und traf dort Anton Mahringer. 1934 reisten beide Künstler nach Dalmatien. Die Freundschaft der beiden Künstlerkollegen führte dazu, dass auch Hans Gassebner für einige Zeit in der Nähe von Nötsch ansässig wurde.

Erweitert wird die Ausstellung um Arbeiten von Hans Obersteiner und Stefan Weiß. Der Bildhauer und Maler Obersteiner arbeitete ab 1937 im Haus Wiegele und stand auch Anton Kolig Modell. Dieser empfahl Obersteiner 1946 Fritz Wotruba für dessen Bildhauerklassen an die Wiener Akademie. Stefan Weiß kam wie Mahringer und Kolig nicht aus Nötsch sondern war Donauschwabe und lebte seit 1950 im Drautal. Durch seine Freundschaft mit Karl Stark lernte er wohl auch die Malerei der Nötscher Künstler kennen. Der Kontakt zu den Nötscher Malern war jedoch kein persönlicher, sondern dokumentiert sich vor allem in einer künstlerischen Rezeption, insbesondere der Arbeiten Anton Mahringers.

Durch das Wirken und die Reisetätigkeit der vier Maler wurde Nötsch zu einem weit über die Grenzen Kärntens hinaus bekannten Kunstzentrum. Dazu trug auch der ständige Kontakt der Künstler mit der internationalen wie nationalen Kunstszene bei sowie ihre rege Reisetätigkeit. Anhand von ausgewählten Arbeiten aus öffentlichen und privaten Sammlungen wird ein Einblick in diese durch zahlreiche Briefe dokumentierten Künstler-Begegnungen präsentiert und damit auch ein Stück der österreichischen Kulturgeschichte wieder ins Zentrum gerückt.